Julia in Kfar Tikva: die ersten 7 Wochen

hp.juliaVor 7 Wochen habe ich mich von sämtlichen Freunden und Familienmitgliedern verabschiedet und mich auf den Weg nach Israel, meine neue Heimat gemacht. Hier werde ich ein Jahr in Kfar Tikva, dem „Dorf der Hoffnung“ verbringen. Dort leben mehr als 200 Menschen mit geistigen, psychischen und körperlichen Behinderungen. Ihnen wird mit der Hilfe von Sozialarbeitern, Pflegern, uns Volontären und anderen Mitarbeitern ein weitestgehend selbstständiges Leben ermöglicht, bei dem sie genau die Unterstützung bekommen, die sie benötigen.

Kfar Tikva wurde 1963 von Israelischen Familien mit behinderten Kindern, unter Mithilfe von 60 deutschen Volontären gegründet. Es befindet sich auf dem Gelände eines alten Kibbuz, circa 30 Minuten von Haifa entfernt.

Ich kann es gar nicht fassen, dass es schon Zeit ist, den ersten Rundbrief zu schreiben, innezuhalten und über meine ersten Erlebnisse zu berichten. Das liegt daran, dass jeder Tag neue Erfahrungen, Eindrücke und Bekanntschaften mit sich bringt und kein Tag dem anderen gleicht. Doch von vorne…
Vom ersten Arbeitstag an waren wir Volontäre vollkommen in die Arbeit im Kfar eingebunden und im Team integriert. Anfangs wurden wir von den alten Volontären in unsere Aufgaben eingewiesen, haben sie dann aber recht schnell zu zweit oder alleine übernommen.
Am besten lassen sich unsere Aufgaben an Hand eines typischen Arbeitstages erklären. Oftmals beginnt dieser mit einem sogenannten „Morningjob“. Das bedeutet in meinem Fall, dass ich zunächst eine Frau aufwecken und dann eine andere zur Krankenstation und schließlich zu ihrer Arbeit bringen muss. Anschließend hilft jeder von uns in einer der Werkstätten (Workshops) mit.Da gibt es neben dem Garten, der Tierfarm und der Bäckerei auch mehrere Bastel-und Kreativwerkstätten. Nachdem wir in den ersten Wochen in jeden Workshop einmal hineinschnuppern durften, steht es inzwischen fest, wer in welchem Workshop arbeitet. Bei mir ist es die Filzwerkstatt geworden. Offen gesagt war dies nicht meine erste Wahl, allerdings fühle ich mich dort mittlerweile sehr wohl. Mit meiner Workshopleiterin verstehe ich mich super und auch die Tätigkeiten machen mir Spaß. Neben der Arbeit mit Filz entstehen in meinem Workshop unter anderem Körbe, Traumfänger, Mützen und Stickbilder. Im Moment lerne ich jeden Tag etwas neues dazu – beispielsweise wie man einen Topfuntersetzer knüpft. Aus diesem Grund kann ich noch nicht so sehr auf die Member ( Bewohner des Dorfes) eingehen, wie ich es mir wünsche. Dennoch würde ich gerne von zwei Membern berichten, die mir besonders aufgefallen sind. Zum eine ist da R. Seine Muttersprache ist Englisch, wodurch wir leicht ins Gespräch kommen können. Er gehört zu den fitesten Membern und jede Unterhaltung mit ihm ist eine Inspiration für sich, denn er weiß unglaublich viel über Geschichte und Religion. Wenn er mit mir spricht – sei es über eine seine Theorien oder einfach über seine Jugend oder Hobbies, merke ich förmlich, wie gut es ihm tut, jemanden zu haben, der zuhört und versucht ihm zu folgen. Für mich ist es manchmal etwas schwer zu verstehen, was er meint, doch versuche ich mein Bestes zu geben, denn ich lerne bei jedem Gespräch etwas dazu.
Dann gibt es dann noch R. Sie ist diejenige, die wir Mädels bei unserem Morningjob aufwecken müssen und auch im Workshop ist sie oft sehr müde. Meine Workshopleiterin hat mir erklärt, dass sie oft Angst hat und unsicher ist. Zu Beginn hat sie mich weitestgehend ignoriert, doch inzwischen habe ich das Gefühl als hätte ich ihr Vertrauen gewonnen. Immer wieder streckt sie mir ihre Hand oder auch nur einen Finger hin und hält meine Hand bzw. meinen Finger damit kurz fest. Zudem möchte sie oft, dass ich mich neben sie setze damit sie mir ihre Arbeit zeigen kann. Letzte Woche hat sie mich sogar zum Kaffee eingeladen. Sie war ganz aufgeregt als ich tatsächlich kam und fragt mich nun ständig, wann ich das nächste Mal Zeit habe. R. Ist ein gutes Beispiel dafür, dass es eben auch Member gibt, die sich nicht sofort begeistert auf uns stürzen, sondern Zeit brauchen, uns zu vertrauen und mit uns warm zu werden. Ich finde es wichtig, mir gerade für diese besonders viel Zeit zu nehmen.
Weiter im Tagesablauf: Nach dem Workshop gibt es sowohl für die Member als auch für uns Mittagessen. Jeden Tag muss ein Volontär und einer der israelischen Freiwilligen (SinShin) beim Verteilen des Essens helfen. Apropos ShinShin: Neben uns 13 deutschen Freiwilligen arbeiten auch 9 israelische Freiwillige im Kfar. Sie sind alle in unserem Alter und wir verstehen uns sehr gut. In der Mittagspause, die auf das Essen folgt, sitzen wir oft zusammen in oder vor unserem Caravan. Eines der Hauptgesprächsthemen ist zur Zeit die andere Sprache und die Versuche, etwas auf der jeweilig fremden Sprache zu sagen, sind meist recht amüsant. Auffällig ist aber, dass wir alle schon das wichtigste Bedürfnis ausdrücken können : „Ochel Ochel“ heißt „Essen Essen“ :-). Insgesamt ist der Aufgabenbereich der ShinShin zum größten Teil von unserem getrennt. Während wir nach der Pause verschiedenen Duschjobs nachgehen, sind sie für Freizeitgestaltung der Member verantwortlich. Ein Stück weit helfen wir ihnen aber auch dabei, zum Beispiel indem wir für die Member Pita backen, mit ein paar wenigen Falaffel essen gehen oder ein ShinShin beim Bowlen oder Klettern gehen begleiten. Bald werden wir auch unsere eigenen „Pnais“, also Freizeitprogramme anbieten.
Abends gehört es zu unseren Aufgaben, mit zwei der alten Member spazieren zu gehen und ein weiteres Mal beim Essen zu helfen. Seit letzter Woche findet sich auf unserem Stundenplan auch das Wort „Ulpan“ – Hebräischunterricht. Zwei Mal die Woche findet der Unterricht statt und nach den ersten beiden Stunden kann ich immerhin schon fast das ganze Alphabet. Ansonsten ist mein Wortschatz noch recht beschränkt, doch die Verständigung funktioniert besser als gedacht, da ich eben doch von Tag zu Tag mehr verstehe und es auch viele Member gibt, die Englisch oder sogar Deutsch sprechen. Insgesamt fühle ich mich in Kfar Tikva sehr aufgehoben und integriert. Ich merke, dass die Member uns Freiwillige brauchen und sich über uns freuen. Schön ist auch, dass wir von allen Sozialarbeitern als vollständiges Mitglied des Teams gesehen und auch so behandelt werden.
Zur Zeit häufen sich die jüdischen Feiertage. So haben wir letzte Woche Rosh Hashana, also das jüdische Neujahrsfest gefeiert. Im Kfar wurde eine große Party organisiert, bei der viel gesungen, getanzt und gelacht wurde. Für mich war dies einer der schönsten Nachmittage bis jetzt, weil viele der Member regelrecht aufgeblüht sind und alle zusammen so viel Spaß hatten. Gleichzeitig bedeuten jüdische Feiertage für ein paar von uns Volontären aber auch Arbeit, weswegen ich an Yom Kippur von morgens bis abends im Kfar war. Unser Dienst an solchen Tagen, sowie am Shabbat unterscheidet sich vom Rest der Woche insofern, dass wir uns hauptsächlich um die Tiere und Freizeitgestaltung der Member kümmern müssen. Mit dem Laubhüttenfest (Sukkot) gehen die vielen Feiertage dann nächste Woche langsam zu Ende.

Auch wenn die Arbeit im Kfar natürlich im Mittelpunkt steht, so kommt das Erkunden meines neuen Heimatlandes auf keinen Fall zu kurz. So habe ich gemeinsam mit anderen aus der Gruppe schon den ein oder anderen Ausflug gemacht. Neben Akko und Nazareth habe ich schon den Strand von Haifa und den See Genezareth gesehen. Dort am Fuße der Golanhöhen arbeiten Clara und Flo ebenfalls von der Erzdiözese, die wir ein Wochenende lang besucht haben. Bis dahin dachten wir bei uns ist es schon heiß – doch beim Wandern im Yehudia-Nationalpark erfuhren wir dann was Sommer in Israel wirklich bedeutet.

Wenn ich am Wochenende (was hier übrigens Freitag und Samstag bedeutet) mal nicht unterwegs bin, bin ich zuhause in Kyriat Tiv’on, einer kleinen Stadt in der Nähe von Haifa. Dort wohne ich zusammen mit Jenny, Pia und Lisa in einer kleinen aber gemütlichen Wohnung, die ich inzwischen wirklich schon als „Zuhause“ bezeichne. Unter uns leben die 4 anderen Mädels und die Jungs der Gruppe haben ihre Wohnung eine Straße weiter. Abends kochen wir oft zusammen und auch ein ausgiebiges Shabbat-Frühstück wird oft gemeinsam genossen. Insgesamt ist die Stimmung innerhalb der Gruppe sehr gut und ich bin wirklich froh, ein Teil davon zu sein.

Mit diesen ersten Eindrücken verabschiede ich mich auch schon wieder. Ich hoffe ihr könnt euch mein Leben hier im Heiligen Land nun etwas genauer vorstellen und seid genauso neugierig wie ich auf das, was noch kommt.
Bis zum nächsten Rundbrief!
Eure Julia

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